少林文化 – Shaolin Wenhua – Shaolin Kultur

„Das Glück ist schon da“ bringt es die Journalistin Christina Riedmann-Poch zum 5-jährigen Jubiläum auf den Punkt. Denn seit 2014 lässt sich bei Shaolin Qigong Augsburg Shaolin Kultur in einer großen Vielfalt erleben und erlernen. Und dass dies authentisch und durch persönliche Vermittlung – wie in der Shaolin-Tradition üblich – geschieht, ist Shaolinmönch und Großmeister Shi Yan Liang zu verdanken. Zu jedem Kurs – ob Workshop oder Ausbildungseinheit – reist er extra nach Augsburg und bringt allen Interessierten die Shaolin Kultur ‚quasi vor die Haustüre’.  Und ebenfalls ist es Shifu zu verdanken, dass vor Ort das Shaolin Kulturzentrum Augsburg entstand.

Doch was bedeutet Shaolinkultur? Zweifellos ist das sagenumwobene Shaolin Kung Fu, die Kampfkunst der Mönche, weltweit am bekanntesten. Weit weniger bekannt ist, dass ‚Kung Fu’ – wortwörtlich gelesen – ganz anderes im Sinn hat: ‚Kung‘ steht für ‘Bewältigung’ und ‚Leistung’, aber auch für den resultierenden ‘Erfolg’ und ‚Fu’ für eine ‘gereifte, erwachsene Person’.  Zusammengefügt bedeutet der Begriff eine körperliche wie geistige (Selbst-)Kultivierung, die durch unermüdliche Anstrengung und beständige Hingabe über einen langen Zeitraum hinweg erfolgt. Kaum weiter zu erwähnen, dass unter dem Begriff dann ebenso alternative Kunstfertigkeiten versammelt sind, angefangen von Kaligraphie, Malerei oder Dichtkunst, über ‚Alltägliches’ wie Gehen, Essen oder die Berufsausübung bis hin zu Rou Quan, Qi Gong und selbstverständlich die legendäre Kampfkunst.

Was macht denn nun ‚Shaolin Kung Fu’ so besonders? Das ist hier die Frage, insbesondere weil Kampfkunst, Qi Gong und auch Meditation als solches viel ältere Praktiken sind. Ein Blick auf die ‚Form‘ kann die Frage kaum abschließend beantworten, denn er nimmt meist nur die Oberfläche wahr: die perfekte Ausführung – die äußere Praxis. Damit jedoch authentisches ‚Shaolin Kung Fu’ verwirklicht werden kann, ist die innere Praxis, die meditative Versenkung unumgänglich. Also ‚wenn eine Person Gleichmut im Geiste erreicht und der Geist frei ist von äußeren Dingen, dann ist das Chan, dann ist das Meditation’ (ven. Shi Yong Xin). Und damit ist  Chan das Herzstück jeder Form oder in den Worten der Shaolin-Philosophie gesprochen: ‚Chan Wu He Yi’ – ‚Chan und Kampfkunst sind eins’ oder auch allgemeiner formuliert: ‚Geist und Form sind eins’ (‚Shen Quan He Yi’). Ohne Chan ist die (äußere) Form, wenn auch brillant ausgeführt, kaum mehr als eine wunderschöne Choreographie. Folglich wird auch der Grad eines jeden ‚Kung Fu’ gemessen am Grad der meditativen Versenkung, der Unveränderlichkeit des Geistes: ‚Move the Body, not the mind’ (ven. Shi Yong Xin).

Beinahe unnötig hinzuzufügen, dass auch die Zeichen für ‚Kung Fu’ ursprünglich der Chan-Kultivierung entstammen. Damit entpuppen sich alle ‚Formen‘ als Manifestationen dieser uralten Weisheitstradition, die mit dem indischen Mönch Bodhidharma (527 unserer Zeitrechnung) in den bis dato theravadisch geprägten Shaolin Tempel kam. Zunächst weitgehend abgelehnt, konnte Bodhidharma und seine ’neue‘ Lehre in der Mahayana-Tradition mit der Zeit doch überzeugen. Einmal akzeptiert, wurde diese beeinflusst durch die chinesische Kultur und es vollzog sich eine tiefgreifende Transformation hin zu einer einzigartigen Kultur – der Shaolinkultur. Und noch heute zeigen sich ihre Wurzeln im offiziellen Logo. Im ‚Inneren‘ läßt es zeichnerisch die jeweiligen Begründer der konstituierenden Traditionen ‚verschmelzen‘: in der Mitte Buddha ‚Shakyamuni’, im Profil eng an seinem linken Ohr ‚Laozi’ sowie ebenfalls im Profil rechts ‚Kongzi’ (Confuzius).

Als Symbol des philosophischen Erbes bringt es die Offenheit und Anpassungsfähigkeit des Chan-Buddhismus zum Ausdruck und mehr noch: den ‚Geburtsort‘  des Chan-Buddhismus im Shaolin Tempel. Seine Offenheit mag nicht zuletzt auf dem Grundsatz beruhen, dass eine Überlieferung ’nicht auf Worte und Schriften‘, sondern von ‚Sinn zu Sinn‘ oder auch ‚Herz zu Herz‘ (je nach Übersetzung) erfolgt. Und so präg(t)en auch nicht mehr Askese und Weltabgewandtheit den Dharma und die (Meditaitions-)Praxis, sondern der ‚Weg der Mitte‘ (Harmonie) und die Integration des Alltags: damit kann Stehen, Sitzen, Liegen, Essen, Küchen- und Feldarbeit, Berufsausübung usw. und damit eigentlich (fast) alles Chan sein. Nicht weiter verwunderlich, dass auch alltägliche Bewegungen Eingang in der Formen mit entsprechenden ‚Erinnerungsreimen’ finden: ‚Der alte Meister pflügt das Feld’, ‚fegt den Boden’ oder ‚bedient der Blasebalg’ (zum Anheizen des Feuers in der Küche).

Somit bedeutet Kung Fu und damit jede Manifestation der Shaolin Kultur alltägliche Praxis und sie offenbart sich als Erfahrungswissenschaft folgender Prägung: der Meister macht die Türe auf, vermittelt die Methode, hindurchgehen respektive trainieren müssen die Lernenden jedoch selbst, um körperlich, energetisch wie mental Fortschritte zu erzielen. Damit kommt zum Vorschein eine ‚leibhaftige Lebensphilosophie’, deren Befolgung auf allen Ebenen Positives bewirken kann, angefangen von Gesundheitsförderung nicht zuletzt durch die Verbesserung der Selbstheilungskräfte, über Steigerung der Lebensqualität hin zur ‚Verjüngung‘, was in Konsequenz eine Verlängerung des Lebens bedeuten kann. Und um von den Methoden der Shaolinkultur zu profitieren, ist es nicht wirklich nötig, buddhistisches Gedankengut zu verinnerlichen. Schon deshalb, weil sich vielfach hinter den ungewohnten Begrifflichkeiten universelle Prinzipien ‚verbergen‘.  Offensichtlich wird dieser ‚Trend‘ bereits hinsichtlich des Trainings- und Bewegungswissens der Shaolinmönche. Es bringt den Körper in ‚Form‘ und erlaubt Höchstleistungen. Prominente Beispiele der aktuellen Diskussion sind ‚Spiraldynamik’ oder ‚Faszientraining’.

Und last but not least: Wird ‚Chan‘ wörtlich gelesen und als Meditation übersetzt inklusive Konzentration, Klarheit, Achtsamkeit, die in Weisheit gipfelt, verweist der Begriff auf die ‚Selbstkultivierung’. Zwar ist ebenfalls in unserem Kulturkreis assoziativ damit verbunden, eine ‘kultivierte’ Persönlichkeit zu werden (vgl. auch die Kampfkunst-Tugenden – ‘Wu De’). Doch greift ‚unsere‘ Vorstellung zu kurz, denn genauso sind inbegriffen mentale Techniken zur tieferen Einsicht und Auflösung von Illussionen. Es geht um Persönlichkeitsentwicklung mittels Selbst-Erkenntnis, -Verantwortung und -Management. Oftmals wird das buddhistische Erbe auch als die – weltweit gesehen – erste systematische Psychologie beschrieben. Denn Buddha entdeckte und lehrte einen Weg, den Geist zu restrukturieren mit dem Ziel, das Leiden zu beenden. Konsequenterweise finden seine einsichtigen Lebensweisheiten und in Folge ebenso die der chan-buddhistischen Meister, wenn auch langsam und/oder unter alternativer Bezeichnung beispielsweise aus Neurowissenschaften (Stichwort: Neuroplastizität) oder Quantenphysik immer mehr Beachtung. Kurz gesagt: es geht darum, das alltägliche Leben positiv, glücklich und zufrieden zu gestalten und ganz besonders, es zu genießen.

________________________

‚Erklärungsbedürftig‘ erscheinen mitunter die unterschiedlichen Schreibweisen, beispielsweise ‚Kung Fu‘ wie auch ‚Gong Fu‘, ‚Chi Kung‘ wie auch ‚Qi Gong’ etc. – und zudem bisweilen auseinander- oder auch zusammengeschrieben wie ‚Qigong’. Die Erklärung ist einfacher, als zu erwarten wäre. Denn was Lesenden in Buchstaben begegnet, sind schlicht und ergreifend verschiedene Lautumschriften. Diese wurden geschaffen, um die chinesischen Zeichen für ‚Nicht-Eingeweihte‘ ’les-‚ und ’sprechbar‘ zu gestalten. Die ersten systematischen Lautumschriftsysteme gehen auf Jesuitische Mönche zurück. Es folgten weitere, konkurrierende Systeme der unterschiedlichsten Sprachräume: denn beispielsweise fordert das Französische andere Buchstabenfolgen als das Englische, um den gewünschten chinesischen Laut abzubilden. In der westlichen Literatur wurde früher zumeist der sogenannten ‚Wade Giles’-Umschrift der Vorzug gegeben (Kung Fu), heute hingegen der offiziellen Lautschrift Chinas ‚Hànyŭ Pīnyīn‘ oder kurz ‚Pīnyīn‘ (Gōng Fu) – jedoch meist ohne Angabe der Töne: ‚Gongfu‘. Um die Orientierung auf dieser Seite zu erleichtern, wurden in den Überschriften bisweilen auch beide Formen gewählt, im Text hingegen – mit Ausnahme des Textes zur Shaolin Kultur – nur noch auf ‚Pinyin’ (ohne Töne) zurückgegriffen. Die Silben bleiben auch weitgehend getrennt.

氣功

QIGONG

Die Geschichte des Shaolin Qi Gong – der Arbeit (Gong) mit der Lebensenergie – beginnt mit dem Eintreffen des legendären indischen Mönchs Bodhidharma (chin: Putidamo) im Shaolintempel im Jahre 527 unserer Zeitrechnung.

柔拳

ROU QUAN (TAI JI)

Shaolin Rou Quan (Weiche Faust) ist ebenfalls bekannt unter dem Namen Shaolin Chan Men Tai Ji Quan. Shaolin Rou Quan geht auf den 2. Patriarchen Hui Ke (487-593 u. Z.) zurück und umfasst lediglich drei verschiedene Formen.

功夫

KUNG FU (GONG FU)

Shaolin Kung Fu ist ein gut gegliedertes wie komplexes Kampfkunst-System. Ein essentieller Teil sind die sog. Formen (Taolu). Damit sind Bewegungsabläufe bezeichnet, die einem Kampf gegen einen unsichtbaren Feind gleichen.

坐禅

CHAN-MEDITATION

Mit Bodhidharma gelangte der Chan-Buddhismus in den Shaolintempel. Verschmolzen mit daoistischem Gedankengut verbreitete sich der Chan-Buddhismus in den folgenden Jahrhunderten in China.

禅医

SHAOLIN-MEDIZIN

Shaolin Medizin (Chan Yi) ist ein wesentlicher und einzigartiger Bestandteil der Shaolin Kultur. Ihre Ursprünge können bis in die Zeit der Tempelgründung (Wei- und Jin-Dynastie; 495 u.Z) zurückverfolgt werden. Damit kann sie auf eine Entwicklungsgeschichte von eineinhalb Jahrtausend zurückblicken.

达摩

DAMO (Bodhidharma)

und Chan – Buddhismus Geschichte(n) … Inhalt folgt in Kürze